Und plötzlich kam der Sturm

Leseprobe aus Kapitel 1.2 » Haben wir eine Chance?

Mir ist im Leben immer wieder bewusst geworden, dass gerade die Menschen mit einer Geschichte – also die, die etwas erlebt haben, was sie besonders geprägt, geläutert oder verändert hat – etwas Außergewöhnliches gestalten, einen besonderen Antrieb haben und eine Stärke und Energie ausstrahlen, die andere in ihren Bann zieht. Hast du auch schon erlebt, dass viele Menschen mit einer Einschränkung oder einem Schicksalsschlag eine Lebenseinstellung verkörpern, von der wir alle etwas lernen können? Sie alle hatten nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Akzeptanz oder Niedergang. Und diese Akzeptanz hat sie heilsam verwandelt und verzaubert. Ich nenne dieses Phänomen das »Warum«. Man spürt instinktiv, dass diese Menschen durch ein Tal der Erkenntnis gegangen sind und dadurch ein neues Ich-Bewusstsein erreicht haben. Jede und jeder dieser Frauen und Männer hat irgendwann erkannt, dass der »Sturm« keine Tragödie ohne Ausweg ist, sondern die Hürde zu einem großen persönlichen Entwicklungsschritt.

Wir alle werden im Laufe des Lebens mit einem größeren oder kleineren Warum kon- frontiert. Jedes tief schmerzhafte Gefühl bringt unsere Seele der Erfahrung von sich selbst näher als alles andere. Plötzlich öffnet sich dort ein innerer Raum und es entsteht eine Empfindsamkeit, die vorher nicht spürbar war. Die Frage ist, was wir daraus machen und wie wir es nutzen. Ist es ein Anstoß, der nach einer kurzen Zeit des Leidensdrucks wieder verpufft, oder ist es unser persönlicher Weckruf zu einer Reise? Schon Laotse hat das wunderbar in einem Zitat ausgedrückt: »Was die Raupe das Ende nennt, das nennt der Rest der Welt einen Schmetterling«. Wir alle sterben einen kleinen Tod, wenn wir ein Warum erleben. Letztendlich ist es eine Metamorphose zu einer höheren Ebene der Entwicklung.

Ich möchte dir von meinem Warum erzählen: Der Startpunkt meines Weckrufs war vor neun Jahren. Damals war ich der festen Überzeugung, dass ich sattelfest und selbst- bewusst im Leben stehe und alles gut läuft für mich. Mit meinem positiven Denken, einer lösungsorientierten und proaktiven Grundhaltung, dem Wissen aufgrund meiner Aus- bildung und meiner bewussten Selbstreflexion hatte ich mir ein Gefühl von Stabilität und Zufriedenheit geschaffen. Immerhin hatte ich mich schon seit meinem fünfzehnten Lebensjahr aus persönlichem Interesse mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt und viel gelernt. Ich fühlte mich gut aufgestellt, voller Power, hatte viele Ziele und befand mich in einer sehr glücklichen Beziehung mit meiner großen Liebe. Wir lebten ein tolles Leben. Da hatten sich zwei passende Puzzleteilchen gefunden, die gefühlt wie aus einem Holz geschnitzt waren und spürten, dass sie zusammen die Welt erobern wollten.

Wir schmiedeten gemeinsam Pläne und Visionen. Ich liebte ihn mehr als alles auf der Welt und war sehr dankbar für dieses große Glück. Unsere Verbindung war so entstanden, wie man sich eine Krankheit einfängt: plötzlich, heftig und intensiv. Beide waren wir so verzaubert voneinander, dass wir sofort zusammen leben wollten. Ich zog nach zwei Tagen zu ihm, gab mein gewohntes Umfeld auf und pendelte von meinem neuen Wohnort täglich siebzig Kilometer hin und zurück zu meiner Praxis. Nichts war mir zu viel oder schien unmöglich für diese Beziehung. Ich gab mein ganzes Herz und alles, was ich hatte und was in mir war. Es fühlte sich von der ersten Sekunde so an, als ob wir nie getrennt gewesen wären.

Hast du schon einmal eine Seelenverwandtschaft erlebt? Ich bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht: »Wie zwei Magnete, die sich zufällig in der richtigen Ausrichtung begegnet sind und bei denen die Anziehungskraft leichtes Spiel hatte und der Zustand des Eng-aneinander-Liegens völlig natürlich ist …, während jeder Millimeter Abstand unverhältnismäßig viel Kraft kostet«.

Ich hatte mir niemals erträumt, dass es so eine Beziehung geben konnte: eine Verbindung als Freunde, Partner und Geliebte! Es fühlte sich so passend und füreinander bestimmt an, dass ich mich völlig einließ und mich privat vollkommen auf diese Beziehung konzentrierte. Heute würde ich sagen: Ich verlor mich aus den Augen, weil ich nur noch Augen für ihn und seine Bedürfnisse hatte. In der Tat können meine Worte dir hier nur Hinweise geben und werden dieser besonderen Verbindung nicht gerecht. Doch möglicherweise hast du so etwas selbst schon einmal erlebt oder kannst dir vorstellen, wie besonders es ist. Aus anderen Beziehungen kannte ich den Unterschied und wusste auch, dass es hier nicht um die verklärte rosarote Brille des Anfangs ging, sondern um ein besonderes Geschenk, das wir da in den Händen hielten. Ich war überzeugt: Diese Liebe wird für immer halten! Und das tat sie – ganze vier Jahre! Dann riss mir plötzlich ein riesiger Sturm den Boden unter den Füßen weg.

Da stand ich nun – mein bisheriges Leben lag in Scherben vor mir. Alles, worauf ich gebaut hatte, verschwand. Das Unwetter brach hart, unnachgiebig und unbarmherzig über mich herein, und ich konnte mich nicht darauf vorbereiten. Mein Glaube an die Liebe zerbrach, mein Herz zerbrach, mein Selbstbewusstsein, mein Vertrauen, meine Zukunfts- vorstellungen, Träume und Ziele wurden weggespült – der Boden löste sich auf, und ich fühlte mich wie im freien Fall. Jede Hoffnung, Tröstung und Perspektive löste sich auf. Ich starb einen Tod und konnte mich nicht auffangen War geschockt, überfordert, verzweifelt, ratlos, voller Schmerz. Es wurde von heute auf morgen stockfinster um mich.

Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn du deine große Liebe dabei erwischst, …