Natürliche Reisebedingungen

Leseprobe aus Kapitel 3.4: Reisevorbereitungen

Eine wellenMUTIGE Reise verläuft wellenförmig – wie könnte es anders sein. Ein Veränderungsprozess ist keine gerade Linie von unten nach oben. Hast du in der Natur schon einmal eine gerade Linie gesehen? Zu Beginn einer Veränderung nimmst du Fahrt auf. Nach einer ersten Phase voller Power und Neugierde setzt irgendwann eine Phase der Stagnation oder Gewohnheit ein. Sei dir bewusst, dass du auf größere und kleinere Hürden treffen wirst, die allesamt dein Vorhaben auf die Probe stellen werden.

Als größtes Hindernis möchte ich Angst erwähnen. Angst ist der Verhinderer von Liebe. Echte Liebe wehrt Angst nicht ab, denn Liebe beherbergt alle Gefühle. Der echten, puren Liebe habe ich ein Kapitel auf deiner Reise gewidmet, da die Liebesfähigkeit die größte und stärkste Kraft ist, die du für Selbsterfüllung nutzen kannst.

Was ist Angst? Zunächst kann Angst eine schützende Punktion deines Körpers sein. Ohne Angst würdest du dich übernehmen oder ständig gefährden. Dafür verdient sie deine Wertschätzung. Angst ist jedoch auch fast immer eine emotionale Reaktion deines Papageien auf Sinneskontakte aufgrund von irrealen Gedanken oder Vorstellungen. Es gibt wenige angstbesetzte Vorstellungen oder Situationen, in denen wir tatsächlich in Gefahr sind. Hast du so eine echte Gefahrensituation schon einmal erlebt? Häufig spüren wir dort etwas, was anders ist als Angst.

Ich möchte dir eine von mir erzählen.

Die Fahrt an der Grenze
Es ist im Spätherbst 2011. Ich sitze auf dem Beifahrersitz eines schwarzen BMW, neben mir der Fahrer, hinten im Auto sitzen meine Schwester und der kleine Terrier meines Fahrers. Wir sind unterwegs zum Flughafen Düsseldorf und in Eile. Ich muss unbedingt den Flieger nach New York bekommen, dort soll ich einen Klienten zum Marathon begleiten. Es sind noch etwa drei Kilometer bis zum Flughafen und wir fahren auf der linken von drei Fahrspuren mit etwa einhundertfünfzig Kilometern pro Stunde.

Ich bin gerade damit beschäftigt, meine Geldbörse mit Pass und Flugticket für das Check-in aus der Tasche zu kramen. Plötzlich höre ich rechts auf der Fahrbahn ein lautes Geräusch – jemand hat etwas aus dem Auto geworfen. Vielleicht eine Dose, ich weiß es nicht. Mein Fahrer schaut ebenfalls reflexartig nach rechts – und das Fahrzeug folgt ihm mit einem Schlenker in diese Richtung – er erschrickt, lenkt sofort heftig dagegen und das Fahrzeug gerät ihm außer Kontrolle Es schaukelt sich auf und wir driften über die komplette Bahn von links nach rechts – einen Fingerbreit vorbei an zwei Lastwagen, schrammen an der rechten Leitplanke einige Meter entlang – dabei rasiert sie die rechte hintere Seitentür ab. Wir haben immer noch Geschwindigkeit, segeln wieder über alle drei Spuren zurück, der linken Leitplanke entgegen. Autos hupen, bremsen, weichen aus. Das sind zweimal einige Sekunden akuter Lebensgefahr: Ich spanne unbewusst meinen ganzen Körper an, bin höchst konzentriert, die Augen weiten sich und scannen glasklar die Fahrbahn – alles in mir ist ruhig und still. Ich bin mir bewusst: Vielleicht stirbst du jetzt! Es ist wie ein kurzer Moment der Hingabe an das Leben. Kein Zeichen von Angst zu spüren – aber volle Präsenz.

Nach der dritten Überquerung der drei Fahrspuren fängt der Wagen sich tatsächlich auf der rechten Fahrspur und rollt weiter geradeaus. Weder ein Auto noch ein Lastwagen hat uns erfasst. Der kleine Hund meines Fahrers ist aus seiner Befestigung herausgerutscht und wie ein kleines Geschoss durch den Wagen geflogen. Er blutet leicht und ist verschreckt, aber am Leben. Erst jetzt löst sich bei mir die Spannung. Ich weine vor Erleichterung und deshalb, weil mir der kleine Hund so leidtut. Der Fahrer wirkt völlig rational und gefangen und fährt wie ferngesteuert weiter bis zur naheliegenden Flughafenausfahrt und parkt an der Haltebucht am Abflug. Er besteht darauf, dass wir aussteigen und zum Abflug gehen sollen, wenn wir körperlich dazu in der Lage sind. »Du kannst deinen Klienten nicht im Stich lassen!« Die Wagentür klemmt und lässt sich nicht öffnen. Wir klettern an einer Seite aus dem Wagen und er drückt uns unsere Koffer in die Hand. »Ich komme klar«, sagt er. Er ist nicht umzustimmen und ich begebe mich mit einem unguten Gefühl zum Flieger und komme heile in New York an – mit einem gewaltigen Schleudertrauma. Doch zum Glück reichen die drei Tage bis zum Marathon aus, um körperlich wiederhergestellt zu sein.

Im Nachgang erfahre ich, dass mein Fahrer unter Schock stand, kurz den Hund versorgte und dann mit dem defekten Auto ohne die Tür noch fünfundsiebzig Kilometer nach Hause fuhr. Erst einen Tag später, als er wegen des Schadens an der Leitplanke von der Polizei kontaktiert wurde, wurde ihm bewusst, was eigentlich geschehen war.

Dieses Erlebnis ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir selbst in Momenten großer Gefahr durch innere Alarmbereitschaft häufiger einen Zugang zu autonomen Ressourcen erhalten und keine Angstgedanken da sind. Trotzdem ist die Angst natürlich ein spürbares Signal deines Papageien, der dir Gefahr anzeigt und mit Stress reagiert. 0b es nun wirklich eine reale Gefahr gibt oder nicht, ist zweitrangig. Was tust du, wenn du Angst wahrnimmst? Wie gehst du mit ihr um? Besucht sie dich ab und zu oder wohnt sie bei dir? Ist sie dein Ratgeber geworden? Grundsätzlich ist es bei starker Angst natürlich wichtig, dass du es nicht noch schlimmer machst, als es schon ist. Manchmal macht es Sinn, die Angst zu vermeiden. Allerdings sollte das nicht deine allgemeine und einzige Strategie im Umgang mit Angst sein.

Um wellenMUTIG zu werden, ist es notwendig, dass du dich der Angst stellst, ähnlich …